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Studie: Ostdeutschland bietet Standortvorteile für die Automobilindustrie

Studie: Ostdeutschland bietet Standortvorteile für die Automobilindustrie

Im „Branchenausblick 2030+ Automotive“ haben Forschende des Fraunhofer-Instituts einen Blick auf die deutsche und insbesondere die ostdeutsche Automobilindustrie geworfen. Das Ergebnis: Vor allem letztere biete Standortvorteile für die künftige Entwicklung der Elektromobilität. Im Fokus der Studie standen die aktuelle wirtschaftliche Bedeutung der Branche, deren zukünftige Herausforderungen sowie Handlungsoptionen für Gewerkschaften, Politik, Industrie und Öffentlichkeit in der Region.

Die Automobilindustrie ist die wirtschaftsstärkste im verarbeitenden Gewerbe Deutschlands. Auch international ist die deutsche Automobilbranche gut aufgestellt: In Europa stehe Deutschland unter den Herstellerländern an erster Stelle, weltweit zähle es gar zu den Top 5. Deutsche Kraftfahrzeughersteller (OEMs) exportierten 2020 rund drei Viertel ihrer hierzulande produzierten Pkw in Absatzmärkte auf der ganzen Welt. Für den Branchenausblick 2030+ Automotive haben Forschende des Fraunhofer ISI und des Fraunhofer IMW untersucht, wie die deutsche Automobilindustrie derzeit aufgestellt und inwiefern sie von Transformationen wie Digitalisierung, Globalisierung, Klimapolitik und demografischem Wandel betroffen ist.

Ein Schwerpunkt der Betrachtung lag auf Ostdeutschland. Dort haben sich nur einzelne OEMs mit reinen Produktionsstätten niedergelassen, während sich bundesweit Automobilhersteller und Zulieferindustrien vor allem im Westen und insbesondere im Süden des Landes konzentrieren. Obwohl der Wirtschaftsstandort Ostdeutschland von einer Vielzahl von kleinen und mittleren Unternehmen, einem starken Lohngefälle zu Westdeutschland, insgesamt relativ wenigen Produktionsstätten und vor allem keinem einzigen Unternehmenssitz eines OEMs geprägt sei, konnten die Forschenden dennoch einige Standortvorteile identifizieren.

Ostdeutsche Industrie weniger abhängig von Verbrennungsmotoren

So zeichne sich die ostdeutsche Automobil- und Zulieferindustrie durch einen geringen Lock-in, das heißt eine geringe Pfadabhängigkeit von der Entwicklung des Verbrennungsmotors aus – was sich daran zeigt, dass viele OEMs die Produktion hier bereits teilweise oder vollständig auf Elektromotoren umgestellt haben. Auch die Ansiedlung des amerikanischen Autobauers Tesla lässt die Entstehung eines Elektromobilität-Clusters in Berlin/Brandenburg erahnen. Diese Entwicklungen werden begünstigt durch die hohe Akzeptanz der Automobil- und Zulieferindustrie in der ostdeutschen Bevölkerung und die stabile Stellung der Chemiebranche im mitteldeutschen Chemiedreieck.

Deutschlandweit waren im Jahr 2018 rund 940.000 Menschen in der Automobilindustrie tätig, bei den Kern-Zulieferern waren es 260.000 Beschäftigte. Sieben Prozent dieser Werte entfallen auf Ostdeutschland. Der Anteil an Vollzeitbeschäftigung ist hoch, ebenso die Bruttowertschöpfung mit mehr als 100.000 Euro pro Arbeitnehmer*in. Auffällig sei der geringe Anteil weiblicher und ausländischer Mitarbeitenden in der Branche in Ostdeutschland. Ebenso lässt sich feststellen, dass sich die Stellen der Fach- und Sachverständigen, insbesondere IT-Fachkräfte, vor allem im Westen konzentrieren. Ähnlich sieht es laut Fraunhofer-Studie mit den Ausbildungsmöglichkeiten aus. Dies könnte erklären, weshalb der Anteil der jungen Beschäftigten im Westen höher ist. Dahingegen gebe es in Ostdeutschland mehr Weiterbildungsangebote im Verhältnis zur Einwohnerzahl.

Handlungsempfehlung: Die (ost-)deutsche Industrie muss gestärkt werden

Die meisten Betriebe in der ostdeutschen Automobilindustrie sind kleine und mittlere Unternehmen. Die wettbewerbsstärkeren Großunternehmen konzentrieren sich in Westdeutschland, ebenso wie die Investitionen für Forschung und Entwicklung. Die Automobilindustrie ist nach Ansicht der Forschenden stärker als viele andere Branchen von Herausforderungen in den Bereichen Klimawandel, Rohstoffverfügbarkeit, Demografie und Innovationsdruck betroffen. Die Rahmenbedingungen durch den Europäischen »Green Deal« oder das deutsche Klimaschutzgesetz stellen die Branche vor große Herausforderungen. Bei der Produktion von Elektromotoren ergeben sich für die Branche besonders risikobehaftete Lieferbeziehungen für seltene Erden. Darüber hinaus müssen sich OEMs und Zulieferer gegen die während der Covid-19-Pandemie schnell wachsende Marktmacht internationaler Tech-Konzerne und asiatischer Zulieferunternehmen behaupten.

Der Aufbau regional geschlossener Wertschöpfungsketten im Sinne einer Kreislaufwirtschaft könne dabei helfen, die Resilienz der europäischen Automobilindustrie gegen Verwerfungen zu erhöhen und gleichzeitig Ressourcen und Emissionen einzusparen. Die Ansiedlung eines internationalen Elektromobil-Produktionsclusters in Brandenburg kann in diesem Sinn die Abhängigkeit von volatilen Weltmärkten verringern. Weitere Handlungsempfehlungen der Fraunhofer-Forschenden für die Stärkung der deutschen und insbesondere ostdeutschen Automobil- und Zulieferindustrie beinhalten unter anderem Subventionen für Forschungsaktivitäten kleiner und mittlerer Unternehmen, den Aufbau von Testfeldern für neuartige Mobilitätsmodelle. Sie heben die Bedeutung der Stärkung von Aus- und Weiterbildung beispielsweise mittels Dualer Studiengänge ebenso hervor wie einen schnellen Ausbau von Ladeinfrastrukturen und des 5G-Netzes.

Die ganze Fraunhofer-Studie „Branchenausblick 2030+ Automotive“ findet ihr hier.

Quelle: Fraunhofer Institut – Pressemitteilung

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